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Über die Sinnfreiheit eines qualifizierten Arbeitszeugnisses

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich  wieder in den Genuss gekommen, mir ein qualifiziertes Arbeitszeugnis ausstellen zu lassen. In der Tagespresse liest man etwa alle Jubeljahre über deren Berechtigung (hier oder hier oder hier), und zwar nicht selten mit dem Tenor, wie unnütz, überflüssig und gar verlogen diese weithin anerkannten offiziellen Dokumente doch seien. In vielen Punkten teile ich diese Meinung, die doch recht verbreitet scheint, nichts aber an der Tatsache ändert, dass es sie gibt. Also warum in aller Welt gehören diese „wohlmeinenden“ Dokumente  noch zum Standardrepertoire unserer Arbeitswelt? Welchen Mehrwert haben wir davon, wenn wir eine geheime Sprache für Bewertungskategorien entwerfen, die allenfalls den zu bewertenden Arbeitnehmer in ein schlechteres Bild rücken, da niemand ihren tieferen Sinn zu entschlüsseln weiß? Worin liegt der Sinn, Qualifikation, Leistung sowie Sozialverhalten einer Person über zwei Seiten zu bewerten und vergleichbar zu machen, um daraus einen Nachweis für eine Eignung für eine bestimmte Tätigkeit zu erhalten, wenn ich doch nur standardisierte Floskeln und verschlüsselte Standardsätze verwende und mich an Schema F halte?

 

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Ein ganz besonderes Fundstück zu dieser Thematik habe ich von meinem Freund erhalten, der beim Aufräumen seiner Unterlagen ein altes Zeugnis seiner Großmutter fand. Mich bewegt vor allem der Ausdruck  „zu meiner vollsten Zufriedenheit“: Es ist eine Formulierung, die wir noch heute so kennen und in unseren Arbeitszeugnissen wiederfinden. (Es gab vor 2 Jahren sogar einen Urteilsspruch unter dem Aktenzeichen 9 AZR 584/13 dazu, gefunden in DIE ZEIT). Bereits 70 Jahre (oder sogar noch älter) ist diese Audrucksweise der Bewertung. Schon damals war die Zufriedenheit des Arbeitgebers das höchste Gut, das es als ordentlicher Arbeiter zu erreichen galt. Aber was heißt denn nun eigentlich Zufriedenheit, was wollen wir damit eigentlich bezeichnen?

Geht es um Richtigkeit, um Ergebnisse, Um Wirksamkeit, um Gerechtigkeit, um Gewinn? Wann versteht sich mein Arbeitgeber zufrieden, vollstens zufrieden, stets vollstens zufrieden mit meiner Arbeitskraft und Leistung, ja gar mit meiter Persönlichkeit und meinem Verhalten? Und ist dies überhaupt objektivierbar? Oder ist es nicht einfach manchmal auch eine subjektive, menschliche (Be-)Wertung, deren wohlmeinende (oder eben nicht wohlmeinde) Ausrichtung zwangsläufig in der Persona des Chefs begründet liegt?

Ganz ehrlich: Ich komme nicht umhin, als zunehmend die Sinnhaftigkeit dieses Dokuments zu hinterfragen und anzuzweifeln. Ein Patent-Rezept, wie dieses wirklich „altertümliche“ Schriftstück abgelöst werden kann, habe ich derzeit nicht. Vielleicht muss ich mir dafür einmal die Stimmen derer zu Gemüte führen, die PRO Arbeitszeugnis argumentieren. Vergleichbarkeit, Standardisierbarkeit und Attestierung der ausgeübten Tätigkeit werden vermutlich genannt werden. Gründe dafür, dass der Personaler im Bewerbungsprozess ein weiteres Mittel und Indiz an die Hand bekommt, um aus Unternehmenssicht ungeeignete Kandidaten bereits vor der Einladung zum 1. Gespräch zu erkennen. Doch hieße das ein bisschen weitergedacht, dass Personaler mehr als heute Wert auf das persönliche Gespräch und das gegenseitige Kennenlernen legen. Es erfordert zudem – wenn Zeugnisse gänzlich wegfielen – eine ganz neue Form und Struktur des Bewerbungsprozesses. Und zwar dergestalt, dass nicht nur dieser eine Moment, diese eine Chance mit dem Vorlegen der Bewerbungsunterlagen zählen, sondern durch ein Unter-Beweis-Stellen von Leistungswillen und Arbeitsvermögen an einem Probetag beispielsweise.

Wäre das nicht eine Option, Arbeitszeugnisse stets zu unserer vollsten Zufriedenheit ziehen zu lassen?

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